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Lesetipp
:
> "Den Nahostkonflikt verstehen!" 
    Rede von Dr. W. Geiger zur           Eröffnung der Ausstellung

> Einführende Informationen


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 > Nahostkonflikt in der Stadthalle      FR v. 9.11.2012

 
> "Ein politisches Minenfeld"             OP-online v. 9.11.2012

 > Zwischen Scham und Vorurteil
    Das Thema Israel im Schul-          unterricht - und nicht nur da          von Dr. W. Geiger

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Keine Ruhe im Nahen Osten !?






 

Nahostausstellung - eine Nachbetrachtung


Ein Gespräch zwischen Dr. W. Geiger, S. Trier und J. Couturier über die durch die Ausstellung gemachten Erfahrungen, die Situation im Nahen Osten und über den politischen Unterricht.



Dr. W. Geiger                         S. Trier                                  J. Couturier


Frage an W.Geiger und S. Trier
Wie habt ihr die Reaktion von Schülerseite auf den Besuch der Ausstellung empfunden?

W.Geiger: Die Schülerschaft fand sie allgemein wohl recht gelungen. das zeigen auch die Zettel an der Pinnwand. Das Thema als solches interessiert sie sehr, hinzu kam jetzt zufälligerweise auch die aktuelle Entwicklung, aber die Tatsache, dass die Ausstellung von Schüler/innen selbst gemacht wurde, hat zudem enorm beeindruckt.

S.Trier: Das Thema überfordert die Schüler auf den ersten Blick, allerdings haben die Schüler, die unsere Ausstellung mehrmals besucht haben, ausdrücklich die gute Strukturierung gelobt. Der Nahostkonflikt scheint für viele so weit weg zu sein; die Erkenntnis, dass er es nicht ist, ist mit Sicherheit durchgedrungen.

W.G.: "Weit weg" schließt Interesse nicht aus. Meines Erachtens war bzw. ist das Thema vor allem weit weg in dem Sinne: Es fällt schwer, den Konflikt zu verstehen, die aktuelle Berichterstattung bringt wenig über die Hintergründe. Genau das aber hat die Ausstellung ja aber mit dem weitreichenden historischen Rückblick geliefert, auch wenn man natürlich in einer Doppelstunde nicht alles aufnehmen kann und viele Fragen bleiben.

S.T.: Da muss ich dir Recht geben. Trotzdem bleibe ich dabei. Der Konflikt ist für die Schüler wirklich weit weg. Allerdings gerade weil in den letzten Tagen der Nahe Osten wieder "brennt", kann man gute Anlässe finden, mit Schülern ins Gespräch zu kommen. In meiner Betreungszeit habe ich dies getan und die Schüler stellten mir viele Fragen. Das fand ich positiv!

J.Couturier: Mir ist besonders die Ernsthaftigkeit aufgefallen, mit der von Schülerseite sich der Thematik zugewandt worden ist. Ein Grund ist sicherlich, dass curriculare Vorgaben, die aktuelle politische Entwicklung und die besondere Reizsetzung, die durch die Ausstellung erreicht wird, zusammenkommen. Die von mir festgestellte Ernsthaftigkeit zeigte sich in der Besonnenheit beim Bewerten der politischen Entwicklung und in der inhaltlichen Tiefe im Unterrichtsprozess. Um auf das "weit weg", welches ihr angesprochen habt, noch einmal einzugehen: Da sprecht ihr ja ein zentrales Problem des politischen Unterrichts an. Unsere Generation (Stefan, sieh es mir nach, dass ich dich als "greenhorn" in dieser Hinsicht vereinnahme) ist in den 60er und 70er Jahren politisch sozialisiert worden. Dazu gehört in der frühen Phase der Umgang mit der Nazi-Vergangenheit, dann die Studentenbewegung, die Auseinandersetzung mit der RAF, viel später die "Wiedervereinigung". Selbst diese ist für unsere Schüler "weit weg". Für mich ist dies immer eine didaktische Herausforderung beim Unterrichen. Wie geht ihr damit um?




S.T.:
Da hast du Recht. Vergiss aber nicht, dass ich als Ossi per se politisch sozialisiert bin. Deswegen sehe  ich mich auch damit konfrontiert, dass ich Sachverhalte als politisch ansehe, die Schüler überhaupt nicht als solche empfinden. Wie kann ich damit umgehen? Ich versuche, den Schülern möglichst konkrete Beispiele aufzuzeigen um so Betroffenheit herzustellen. Zeitzeugen sind da nur eine Möglichkeit von vielen.

J.C.: Politische Sozialisation in der DDR ist nicht "per se" etwas Positives...
...aber, um weiterhin ernsthaft zu bleiben. Wir sollten den durch die Ausstellung entstandenen Schwung nutzen und ihn im Sinne des "näher heran Holens" nutzen, ohne ins Lamentiren zu verfallen, dass alle und alles aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unpolitisch geworden sind.

(zum Vergrößern anklicken)

W.G.: Was du vorhin gesagt hast, Jörg, bringt mich noch einmal zur historischen Dimension des aktuellen politischen Geschehens zurück. Das "weit weg" hinsichtlich unserer eigenen Geschichte für die jüngere Generation, also bereits der Mauerfall, ist keine geographische, sondern eine historische Distanz zu etwas, das man nicht mehr selbst erlebt hat, weil man zu jung dafür ist.
Und dann komme ich noch einmal zum Nahen Osten zurück: Die heutige politische Lage ist eine Folge des Sechstagekrieges 1967 und wenn man berücksichtigt, dass die Hamas Israel als Staat ablehnt und bekämpft, dann geht es um die Gründung Israels 1948. Doch allein schon die Zeitspanne, die zwischen dem Sechstagekrieg und heute liegt, ist länger als zwischen der Teilung Deutschlands 1949 und seiner Wiedervereinigung 1990.

J.C.: Wolfgang, ich teile deine Bewertung der Genese des Konfliktes. Zum politischen Bewußtsein der heutigen Schülergeneration: Es ist doch eine akademische Diskussion, ob die von uns beiden konstatierte Distanz geographischen oder historischen Ursrungs ist, entscheidend ist doch, dass sich dieses Bewusstsein entfalten oder zumindest entwickeln kann und ich denke auch immer noch, dass wir in der Schule dazu einen erheblichen Beitrag leisten können.

S.T.: Ich bin der Überzeugung, dass wir an dieser Stelle anknüpfen können und müssen. Fraglich ist nur, inwiefern wir in Zukunft aufgrund zeitlicher Ressourcen die Möglichkeit haben werden, solch wichtige Aktionen wie eine Nahostausstellung durchzuführen.

W.G.: Es geht nicht nur um Ausstellungen und besondere Projekte. Unsere Nahostausstellung hat doch anschaulich vor Augen geführt, was eigentlich ins Lehrprogramm der Schule gehört, und zwar fächerübergreifend, wie die Ausstellung ja ebenfalls zeigt. Dabei können und müssen sich PoWi und Geschichte ergänzen. Im Oberstufenlehrplan PoWi ist die historische Dimension politischer Konflikte in der Welt doch nahezu abwesend: schon der Begriff "Entstehungsgründe" beim Thema "Aktuelle internationale Konfliktregionen..." (PoWi Oberstufe S.41) verengt die historische Entstehung und Entwicklung von Konflikten auf ein paar vermeintlich schnell zu verstehende Ursachen. In Geschichte ist der Nahe Osten auch kein Thema als solches, sondern allenfalls in Unterthemen "die weltpolitische Bedeutung regionaler Konflikte" oder "Terror als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele" versteckt (Geschichte Oberstufe S.44). Ansonsten wird Geschichte als deutsche Nabelschau betrieben, selbst der Kalte Krieg erscheint fast nur als Rahmen für die Geschichte des geteilten Deutschlands.

Wenn wir aber ein Folgeprodukt der Ausstellung entwickeln, eine Broschüre o.ä. dann haben wir etwas in der Hand, mit dem wir auch im Unterricht arbeiten können.



Dr. W. Geiger, sorgte für das historische Fundament der Ausstellung, unterrichtet den Leistungskurs Geschichte Q3.
S.Trier, Initiator und "Macher" der Ausstellung, unterrichtet PoWi- Leistungskurse in Q1 und Q3.
J. Couturier, unterrichtet einen Leistungs- und einen Grundkurs PoWi in Q3.

WebCo, 18.11.2012